„Jahrzehnt der Lunge“: Für eine bessere Versorgung von Patient*innen mit chronischen Lungenerkrankungen

Atemnot, Husten, Krankenhausaufenthalte: Chronische Lungenerkrankungen gehen für die Betroffenen oft mit einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität einher. Sie begleiten Patient*innen über Jahrzehnte; bei vielen ist im Verlauf der Erkrankung eine Verschlechterung der Symptome zu beobachten.

In Deutschland leiden Schätzungen zufolge mehr als 15 Millionen Menschen an chronischen Lungenerkrankungen wie Asthma bronchiale, der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD), interstitiellen Lungenerkrankungen oder Bronchiektasen.1
Viele von ihnen sind nicht diagnostiziert, sodass die gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen dieser Erkrankungen kaum erfasst werden können.2 Gleichzeitig ist mit Blick auf steigende Temperaturen und erhöhte Feinstaubbelastung sowie zunehmendes Lebensalter und demografische Entwicklung der Bevölkerung für die kommenden Jahre mit einer steigenden Zahl von Lungenerkrankungen zu rechnen.3, 4, 5

Um der Wichtigkeit der chronischen Lungenerkrankungen und den Millionen Betroffenen gerecht zu werden, fordern wir von der Bundesregierung die Entwicklung eines Aktionsplans Lunge. Wir brauchen eine politisch initiierte Strategie, um eine weiter steigende Inzidenz zu vermeiden, einen hohen Qualitätsstandard in Prävention, Diagnostik und Therapie sicherzustellen und die Mortalität zu senken. Um dieser großen Aufgabe zu begegnen, ist ein langfristiger Ansatz entscheidend. Vor diesem Hintergrund fordern wir ein Jahrzehnt der Lunge, das wir als Vertreter*innen der Medizin und der Betroffenen gemeinsam mit der Politik gestalten wollen.

Im Folgenden stellen wir zehn zentrale Forderungen vor, die eine politische Strategie adressieren sollte.

 

1. Priorisierung und Stärkung der Prävention und Früherkennung
Die Vermeidung von chronischen Lungenerkrankungen bei Kindern und Erwachsenen muss höchste Priorität haben. Die Krankheitsprävention bei Kindern muss bereits präpartal beginnen. Eine neue Präventionsgesetzgebung ist notwendig, die der Prävention den gleichen Stellenwert einräumt wie der Therapie. Ebenso gilt es, wo immer möglich, ein Fortschreiten der Erkrankungen zu vermeiden. Angebote zur Bewegungstherapie und Tabakentwöhnung spielen dabei ebenso eine große Rolle wie die Erstattung von Diagnostik-Leistungen und der schnelle Zugang zu Fachärzt*innen.

2. Optimierung der verfügbaren Datenbasis und der Versorgungsforschung
Für eine effektive Prävention und Versorgung ist eine verlässliche, nationale Datenbasis notwendig. Bestehende Projekte wie German Asthma Net und COSYCONET bieten eine Basis für den strategischen Auf - und Ausbau von flächendeckenden Registern. Die Politik muss den rechtlichen und finanziellen Rahmen für den Betrieb dieser Register und die Nutzung der Daten für die Forschung schaffen. Dafür ist eine forschungsfreundliche Auslegung der Datenschutz-Grundverordnung und der Auflagen zur Sekundärnutzung von Gesundheitsdaten unumgänglich.

3. Unterstützung relevanter Forschungsvorhaben
Noch immer gibt es großen Forschungsbedarf rund um chronische Lungenerkrankungen, beispielsweise zu Risikofaktoren und Möglichkeiten der Krankheitsintervention. Die Bundesregierung sollte bestehende pneumologische Forschungsprojekte und -akteur*innen stärken und ihre Vernetzung unterstützen, auch mit Blick auf Kooperationen zwischen öffentlicher und privater Forschung.

4. Stärkung von Patient*innen und Abbau von Stigmata
Um die hohe Zahl an undiagnostizierten Patient*innen mit chronischen Lungenerkrankungen zu adressieren, ist es ausschlaggebend, dass sich die Betroffenen in ärztliche Behandlung begeben. Dafür benötigen wir ein breites Wissen über Symptome und Risikofaktoren dieser Erkrankungen, aber auch eine gesellschaftliche Akzeptanz, sodass Patient*innen keine Stigmatisierung befürchten müssen. Zu oft werden schwerwiegende Erkrankungen in der Öffentlichkeit als „Raucherhusten“ relativiert. Es bedarf einer politisch initiierten Kampagne, um Aufmerksamkeit bei Betroffenen zu wecken, in der breiten Öffentlichkeit auf die Bedeutung und Last dieser Erkrankungen hinzuweisen und Verständnis im Umgang damit zu generieren.

5. Ausbau der Selbsthilfe-Angebote
Patient*innen- und Selbsthilfeorganisationen nehmen eine entscheidende Rolle bei der Beratung von Patient*innen mit chronischen Lungenerkrankungen ein. Eine große Herausforderung ist dabei, jüngere sowie weniger engagierte Patient*innen zu erreichen. Hier fordern wir mehrsprachige Angebote für Patient*innen und Angehörige jeden Alters, die helfen, Betroffene und Selbsthilfe miteinander zu verbinden. Großes Potential liegt in einer Professionalisierung der Organisationen, für die jedoch oft Ressourcen fehlen. Vor diesem Hintergrund muss die Sicherstellung der Finanzierung Aufgabe der Politik sein, nicht zuletzt um die Unabhängigkeit der Patient*innen- und Selbsthilfeorganisationen zu gewährleisten.

6. Förderung von Disease-Management-Programmen
Disease-Management-Programme (DMP) stellen einen wichtigen Weg dar, um die Behandlung von Patient*innen mit chronischen Erkrankungen auf einem hohen Qualitätsniveau zu fördern. Um diese Programme zu optimieren, ist es jedoch zwingend notwendig, die DMP kontinuierlich wissenschaftlich zu evaluieren, die Aktualität sicherzustellen und den bürokratischen Aufwand für Praxen zu verringern. Ebenso sollte ein Anschluss von beispielsweise Fachambulanzen an die DMP geprüft werden. Um die Einschreibezahlen zu erhöhen, schlagen wir außerdem eine Verpflichtung der regionalen Vertragsparteien zur Auswertung von Einschreibezahlen und zur Definition von Zielwerten vor.

7. Vernetzung der Sektoren und Leistungsbereiche
Die Verbesserung der Versorgung über Sektorengrenzen und Leistungsbereiche hinweg ist seit Jahrzehnten auf der politischen Agenda, jedoch ohne nachhaltige Erfolge. Wir fordern die Bundesregierung auf, diese entscheidende Thematik mit der notwendigen Aufmerksamkeit zu bedenken und aus den zahlreichen Modellprojekten konkrete Lösungen für die Regelversorgung abzuleiten. Nur so können Behandlungspfade für alle Patient*innen optimiert und eine konsistente Versorgung über alle Bereiche, Lebenssituationen, Krankheitsverläufe und Altersgruppen hinweg gewährleistet  werden.

8. Besserer Zugang zu Schulungsangeboten
Patient*innen mit chronischen Lungenerkrankungen erhalten oft per Inhalation einzusetzende Medikamente, bei denen die richtige Anwendung und die Adhärenz von maßgeblicher Bedeutung für ihre Gesundheit sind. Bestehende Schulungsangebote sind jedoch unzureichend und für die durchführenden Praxen mit hohem Aufwand verbunden. Vor diesem Hintergrund fordern wir eine politische Neukonzeption, um einen niedrigschwelligen Zugang zu flächendeckenden und qualitätsgesicherten Schulungsangeboten für Betroffene und ihre Angehörigen zu gewährleisten, ebenso wie für  medizinisches Personal.

9. Nutzung digitaler Potentiale
Digitale Angebote bieten für die Behandlung und Beobachtung von Patient*innen große Potentiale, ebenso wie für die Vernetzung von Ärzt*innen untereinander. Um die Möglichkeiten der Digitalisierung im Gesundheitswesen wirklich auszuschöpfen, benötigen wir eine Evaluation der bisherigen Ansätze, eine verstärkte Investition in Modellvorhaben, eine leistungsgerechte Vergütung telemedizinischer Behandlungen sowie die politisch initiierte Bewerbung der bisherigen Angebote.

10. Berücksichtigung wissenschaftlich-medizinischer Fachgesellschaften
Die wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften spielen eine zentrale Rolle dabei, medizinische Innovation und Evidenz in die Fach- und Hausärzt*innenschaft hineinzutragen und eine Diagnose und Behandlung nach neuesten medizinischen Standards zu gewährleisten. Dieses Wissen sollte politisch genutzt und die Fachgesellschaften früher in politische Prozesse eingebunden werden. Um der Bedeutung medizinsicher Leitlinien Rechnung zu tragen, sollten Möglichkeiten zur Stärkung der Nationalen Versorgungsleitlinien geprüft werden, etwa durch eine Integration in die Praxissysteme, durch eine bessere Einbindung in ärztliche Fortbildungen und die Sicherstellung hoher Behandlungsstandards über Sektoren hinweg.

 

Elke Alsdorf, Asthma-und COPD-Trainerin
Deutscher Allergie-und Asthmabund e.V.

Prof. Dr. Monika Gappa, Chefärztin der Klinik für Kinder-und Jugendmedizin, Evangelisches Krankenhaus
Düsseldorf
Mitglied des Vorstands der Deutschen Atemwegsliga; Beisitzerin im Vorstand der Deutschen Lungenstiftung
e.V.; Sprecherin der Arbeitsgruppe Asthmatherapie der Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie e.V.

Dr. Peter Kardos, Lungenzentrum Maingau
Vorsitzender der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für die Therapie von Lungenkrankheiten e.V.; Mitglied
des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V.;
Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes des Deutschen Atemwegsliga

Dr. Iris Koper, Chefärztin der Inneren Medizin und Pneumologie, Sana Klinik Oldenburg
Präsidentin der norddeutschen Gesellschaft für Pneumologie e.V.; Sprecherin der Taskforce Pneumologinnen
sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und
Beatmungsmedizin e.V.

Prof. Dr. Michael Pfeifer, Chefarzt der Pneumologie, Klinik Donaustauf; Chefarzt der Klinik für Pneumologie
und konservative Intensivmedizin, Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg; Leiter der Pneumologie,
Universitätsklinikum Regensburg
Pastpräsident der Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V.

Prof. Dr. Klaus F. Rabe, Ärztlicher Direktor und Medizinischer Geschäftsführer der LungenClinic Großhansdorf
Pastpräsident der European Respiratory Society; Mitglied im Beirat der Deutschen Atemwegsliga; Direktor im
Deutschen Zentrum für Lungenforschung

Prof. Dr. Christian Vogelberg, Leiter der Kinderpneumologie und Allergologie sowie des Universitäts
AllergieCentrums des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus, Dresden
Präsident der Gesellschaft Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin e.V., Vorsitzender der
Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Pneumologie und Allergologie e.V., Wissenschaftlicher Beirat des German
Asthma Net GAN

Prof. Dr. Claus Franz Vogelmeier, Direktor der Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie,
Intensiv- und Schlafmedizin, Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM), Standort Marburg
Vorsitzender der Deutschen Lungenstiftung e.V.; Sprecher des Science Committee der Global Initiative for
Chronic Obstructive Lung Disease (GOLD); Ko-Sprecher der Disease Area COPD im Deutschen Zentrum für
Lungenforschung (DZL)

Prof. Dr. Heinrich Worth, Facharztforum Fürth
Vorsitzender der AG Lungensport in Deutschland e.V.; Stellvertretender Vorsitzender der Deutschen
Atemwegsliga; Vorsitzender der Sektion „Pneumologie“ im Berufsverband Deutscher Internisten e.V.

Mit Unterstützung der AstraZeneca GmbH


  1. Einen Überblick über chronische Lungenerkrankungen und Betroffenenzahlen bietet der Lungeninformationsdienst.
  2. ERS, ELF (2013) European Lung White Book.
  3. Robert Koch-Institut (2015) Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes.
  4. J. Augustin et al. (2017). Gesundheit. In G. Brasseur, D. Jacob and S. Schuck-Zöller (Hrsg.), Klimawandel in Deutschland (S. 138-150). Springer Berlin Heidelberg. DOI 10.1007/978-3-662-50397-3.
  5. S. Breitner et al. (2021) Interaktion von Temperatur und Luftschadstoffen: Einfluss auf Morbidität und Mortalität. In C. Günster, J. Klauber, B.-P. Robra, C. Schmuker, A. Schneider (Hrsg.), Versorgungs-Report Klima und Gesundheit (S. 105-117). MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. DOI 10.32745/9783954666270-8