Fünfzehn Jahre AMNOG: Medizinischer Fortschritt verlangt neue Bewertungsmaßstäbe


Hamburg, 11.03.2026. – Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einem Wendepunkt: 15 Jahre nach Einführung des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) zeigt sich deutlicher denn je, dass medizinischer Fortschritt und die gesundheitspolitische Realität auseinanderdriften. Bei einer hochkarätig besetzten Diskussion am 26. Februar 2026 in Berlin sprachen darüber u. a. Prof. Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Tino Sorge, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), und Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER. Gemeinsam mit rund 100 Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft, Versorgung und Industrie diskutierten sie, wie eine zeitgemäße Nutzenbewertung aussehen muss. Ihr Fazit: Eine Reform ist nicht nur notwendig – sie ist überfällig.

Zum Auftakt machte Alexandra Bishop, Geschäftsführerin von AstraZeneca Deutschland, deutlich, dass Deutschland dringend ein klares Signal senden muss, ob es im Bereich der Life Sciences global wettbewerbsfähig sein will. Dies bedeutet neue Rahmenbedingungen und Maßnahmen, die Innovation anerkennen und angemessen honorieren.
„Seit den 1990er-Jahren werden rund 70 Prozent1 der Zuwächse an Lebenserwartung modernen Arzneimitteln zugeschrieben, und der medizinische Fortschritt schreitet schneller voran als je zuvor“, sagte Bishop in ihrer Eröffnungsrede. Auch Studiendesigns, neue Endpunkte und Vergleichstherapien haben sich weiterentwickelt – Bereiche, mit denen das derzeitige Bewertungssystem schwer umgeht. Laut Bishop ließe sich das jedoch leicht durch eine Modernisierung des AMNOG beheben, die sich an international anerkannten Evidenzstandards orientiert, um es für die Zukunft der Medizin zweckgerecht aufzustellen.
Länder, die Innovation erkennen und grundsätzlich bereit sind, sie zu honorieren, sichern Patient:innen sowie der Gesellschaft den Zugang zu den besten Möglichkeiten moderner und zukünftiger Therapien; Forschung, Spitzenwissenschaft und klinisches Know-how bleiben erhalten oder wachsen sogar. Zugleich würde Deutschlands Attraktivität als global führender Biotech-Standort gesichert – damit schließt sich der Innovationskreislauf und die gesundheitliche Versorgung wird nachhaltig gestärkt.

Moderne Medizin trifft auf überholte Bewertungslogiken
Wie stark sich die medizinische Realität verändert hat, verdeutlichte Prof. Dr. Sibylle Loibl, Vorsitzende der German Breast Group (GBG). Therapien seien heute deutlich zielgerichteter und individueller, basierend auf präzisen biologischen Erkenntnissen. Sie entfalten ihren Nutzen oft früher und differenzierter, als es klassische Langzeitstudien abbilden können. „Innovation heißt nicht mehr Therapie, sondern die passendere Therapie zur richtigen Zeit – mit Fokus auf Wirksamkeit und Lebensqualität“, betonte sie. Während im Einführungsjahr des AMNOG große, homogene Studienpopulationen die Regel waren, entsteht Evidenz heute zunehmend in biomarkerdefinierten Subgruppen in viel kürzerer Zeit – eine Realität, die im bestehenden Bewertungsraster nur begrenzt Platz findet. Auch die Krankenkassen bestätigten diese Dynamik: „Als ich über Bronchial-Tumore promovierte, gab es vier Tumortypen. Heute sind es rund 30“, so Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER.

Nutzenbewertung braucht zeitgemäße Evidenzanforderungen
Prof. Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), betonte, dass die Bewertung hochinnovativer Therapieformen das System zunehmend vor neue Herausforderungen stellt. Dies gelte insbesondere für ATMPs (Advanced Therapy Medicinal Products), also Gen- und Zelltherapien, die häufig bei sehr kleinen Patient:innen-gruppen eingesetzt werden und für die zum Zeitpunkt der Zulassung oft nur begrenzte Evidenz aus klassischen Vergleichsstudien vorliegt. Hecken führte aus: „Für solche hochmodernen Therapien brauchen wir andere Wege der Evidenzgenerierung. Ein indikationsspezifisches Register kann hier eine Grundlage schaffen, indem es qualitätsgesicherte Daten aus der realen Versorgung liefert und damit zusätzliche Erkenntnisse über Wirksamkeit und Sicherheit ermöglicht.“ Er sprach sich zudem dafür aus, innovative Therapien stärker in ein „lernendes System“ einzubetten, das die Möglichkeit bietet, Evidenz nach Markteintritt systematisch nachzuliefern und Nutzenbewertungen bei Bedarf anzupassen. Wenn sich die Nutzen-annahmen nicht bestätigen, müsse dies auch Konsequenzen für die Bewertung und Preisbildung haben.

Alltagsrelevante Ergebnisse müssen stärker berücksichtigt werden
Für Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der BAG SELBSTHILFE, müssen patient:innenrelevante Endpunkte wie Lebensqualität oder therapiefreie Zeit künftig deutlich stärker gewichtet werden. Zugleich hob er die Stärke des bestehenden Systems hervor: „Ein Präparat, das zugelassen ist, ist auch für alle zugänglich – und zwar kostenlos.“ Er plädierte für eine frühere Einbindung von Patient:innen in Studien und Bewertungsverfahren. Die verzögerte Entwicklung der elektronischen Patientenakte verdeutlicht aus seiner Sicht den Bedarf an stärkerer Nutzer:innenorientierung. Ein Beispiel für die Lücke zwischen therapeutischem Nutzen und Bewertung schilderte Aljona Specht, Head of Pricing & Market Access bei AstraZeneca Deutschland: Eine Therapie für Eierstockkrebs habe Patient:innen im Durchschnitt zwei zusätzliche beschwerdefreie Lebensjahre ermöglicht, sei aber aufgrund eines methodischen Details mit dem Attribut „Zusatznutzen nicht belegt“ bewertet worden. „Akzeptanz moderner Evidenz, Bewertung nach tatsächlichem Nutzen und die Wertschätzung von Innovation – das muss unser Weg sein. Lassen Sie uns das Regelwerk an die Wissenschaft anpassen, nicht umgekehrt“, forderte Specht.

Deutschland als Innovationsstandort braucht stabile Rahmenbedingungen
Tino Sorge, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, nannte die Pharmabranche einen „Innovationsmotor für die deutsche Wirtschaft“. Deutschland müsse bei pharmazeutischer Innovation führend bleiben und dafür verlässliche, innovationsfreundliche Strukturen schaffen. Sorge verdeutlichte: „Wir wollen Rahmenbedingungen schaffen, bei denen wir in der Forschung nicht nur mitspielen, sondern ganz vorne mitspielen können. Dazu gehört das AMNOG.“ Gleichzeitig müsse man die Maßnahmen der vergangenen Legislatur-periode sorgfältig analysieren; die sogenannten Leitplanken hätten die Erstattungs-bedingungen für neue Arzneimittel verschärft.

Eine aktuelle Umfrage unterstreicht die Dringlichkeit: 99 Prozent der befragten Ärzt:innen halten medizinische Innovationen für (sehr) wichtig im Praxisalltag, fast 90 Prozent fordern eine Reform des AMNOG, damit moderne Therapien schneller bewertet werden können.2 15 Jahre nach seiner Einführung ist klar: Das AMNOG braucht ein Update, das moderne medizinische Realitäten anerkennt, den Patient:innennutzen konsequent in den Mittelpunkt stellt und den Innovationsstandort Deutschland stärkt.

1 In this golden age of medical science, is the policy ready? Online verfügbar unter: https://www.weforum.org/stories/2026/01/healthcare-medicine-policy-future/. Letzter Aufruf: 11.03.2026.
2 Innovationen in der Medizin: Ärzt:innen fordern bessere Rahmenbedingungen und schnelleren Zugang für Patient:innen. Online verfügbar unter: https://www.astrazeneca.de/medien/press-releases/2026/innovationen-in-der-medizin-aerzt-innen-fordern-bessere-rahmenbedingungen-und-schnelleren-zugang-fuer-patient-innen.html. Letzter Aufruf: 11.03.2026.




Fotocredit: Natalie Färber

 

Über die aktuelle Umfrage „Ärzt:innen-Barometer: Faktor Innovation“
Die Online-Befragung der Reihe „Ärzt:innen-Barometer: Faktor Innovation” wurde im Dezember 2025 im Auftrag von AstraZeneca Deutschland von Bonsai Research durchgeführt. Befragt wurden 267 Ärzt:innen aus den Fachrichtungen Kardiologie, Hämatologie/Onkologie, Nephrologie, Rheumatologie, Pulmologie und Diabetologie. Ziel war es, die Bedeutung und Bewertung medizinischer Innovationen im Praxisalltag sowie Herausforderungen und Reformbedarfe aus Sicht der Ärzt:innen zu erfassen. Die Stichprobe umfasst sowohl Klinik- als auch Praxisärzt:innen aus allen Bundesländern.

AstraZeneca
Die AstraZeneca GmbH ist die deutsche Tochtergesellschaft des britisch-schwedischen Pharmaunternehmens AstraZeneca PLC. AstraZeneca (LSE/STO/Nasdaq: AZN) ist ein globales, wissenschaftsorientiertes biopharmazeutisches Unternehmen, das sich auf die Erforschung, Entwicklung und Vermarktung von verschreibungspflichtigen Medikamenten in den Bereichen Onkologie, seltene Krankheiten und Biopharmazeutika, einschließlich Herz-Kreislauf, Nieren und Stoffwechsel sowie Atemwege und Immunologie, konzentriert. AstraZeneca mit Sitz in Cambridge, Großbritannien, ist in über 125 Ländern tätig. Die innovativen Medikamente des Unternehmens werden von Millionen von Patient:innen weltweit eingesetzt. Weitere Informationen auf astrazeneca.de.

 

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