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Sie ist leicht zu übersehen, denn dieses Organ leidet stumm: die chronische Nierenkrankheit (chronic kidney disease, CKD) ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, von der allein in Deutschland etwa neun Millionen Menschen betroffen sind.1 Da sie in frühen Stadien oft symptomlos verläuft, erfolgt die Diagnose meist erst, wenn die Krankheit bereits fortgeschritten ist und die Niere Schaden erlitten hat.2 Folglich wissen nur etwa zehn Prozent der Betroffenen von ihrer Erkrankung.1 Dieser stille Notstand hat weitreichende Folgen – sowohl für den Einzelnen, als auch für die Gesellschaft insgesamt.
Wer ist gefährdet, eine chronische Nierenkrankheit zu entwickeln?
In Deutschland haben mehrere Millionen Menschen ein erhöhtes Risiko an einer CKD zu erkranken. Dazu gehören beispielsweise Personen mit Bluthochdruck – dieser betrifft circa 27 Millionen Menschen, also etwa ein Drittel der Bevölkerung.3,4 Auch Menschen mit einem Diabetes Mellitus sind gefährdet, hierzulande also über neun Millionen Menschen.5
Wie viele Menschen sterben an einer chronischen Nierenkrankheit?
Eine aktuelle Erhebung ergab, dass in Deutschland im Jahr 2022 etwa jede elfte Person mit einer CKD verstarb.6 Oft ist jedoch nicht die CKD selbst die direkte Todesursache, sondern Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die durch die CKD begünstigt werden.7 Das zeigt, wie eng Herz und Nieren miteinander verknüpft sind. Die Redewendung „Auf Herz und Nieren prüfen“ kommt also nicht von ungefähr, sondern ist hinreichend wissenschaftlich belegt. Herz und Nieren müssen daher stets gemeinsam „gedacht“ werden. Es liegt nahe, dass die neue Bundesregierung im Interesse ihrer Mitbürger:innen verstärkt auf Prävention und Früherkennung setzen muss. Dies betrifft sowohl die CKD als auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und deren Risikofaktoren.
Was geschieht, wenn das Thema Nierengesundheit nicht gezielt angegangen wird?
Schon auf individueller Ebene sind die Folgen gravierend. Bleibt eine CKD unbehandelt und schreitet sie fort, kann sich die Lebenserwartung um bis zu 25 Jahre reduzieren – ganz zu schweigen von der erheblich geminderten Lebensqualität.7,8 Doch die Auswirkungen gehen weit über Individualschicksale hinaus. Die Allgemeinheit trägt die Konsequenzen der CKD: Derzeit entfallen in den Industrienationen zwei bis drei Prozent des gesamten jährlichen Gesundheitsbudgets auf die Behandlung der CKD im Endstadium.9 Einer Hochrechnung zufolge wird die CKD in Deutschland zwischen 2022 und 2032 zudem zu etwa 80 Millionen versäumten Arbeitstage sowie Steuerausfällen von rund 3,4 Milliarden Euro führen, ganz abgesehen von der ökologischen Belastung.10
Wie lässt sich Nierengesundheit politisch adressieren?
Die gute Nachricht vorweg: Maßnahmen zur Förderung der Nierengesundheit können eine ganze Reihe von Verbesserungen nach sich ziehen (s. Infobox). Die politischen Entscheidungsträger:innen der neuen Bundesregierung haben es in der Hand, durch gezielte Initiativen Impulse zum Erhalt der Nierengesundheit zu setzen. Zunächst gilt es, dieses Thema in Koalitionsgesprächen zu verankern und in Regierungsprogrammen aufzunehmen. Für wirksame, evidenzbasierte Maßnahmen, die auch im Alltag greifen, ist eine belastbare Datengrundlage unerlässlich. Diese wird über Versorgungsstudien geschaffen – ein Bereich, denn die neue Bundesregierung aktiv vorantreiben sollte. Nicht ausdrücklich genug lässt sich die Bedeutung systematischer Vorsorgeuntersuchungen auf Nierengesundheit hervorheben. Diese gehören in die Disease Management Programme (DMP) für chronische Herzinsuffizienz und koronare Herzkrankheit (KHK) aufgenommen: eine Forderung, die führende Fachgesellschaften bereits erheben.11 Zudem sollten Nierenscreenings in die erweiterte Vorsorgeuntersuchung ab 50 Jahren, dem Check-up 50, integriert werden. Im Rahmen dieses Check-ups wäre es essenziell, auch die Risikofaktoren für eine CKD zu erfassen wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Lipidstoffwechselstörung. Ergänzend empfiehlt es sich, auch den Check-up 35 regelmäßig weiterzuentwickeln und an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse anzupassen.
Unsere Untersuchung ist ein Weckruf für die Gesundheitspolitik: Um den Anstieg dialysepflichtiger Patient:innen zu verhindern, muss die Versorgung chronisch kranker Menschen strukturell verbessert werden. Dazu gehört auch, dass die frühzeitige Diagnose von der chronischen Nierenkrankheit vorangetrieben wird.
Wie lässt sich die Nierengesundheit darüber hinaus verbessern?
Wir erachten die Entwicklung eines eigenständigen DMP für CKD als längst überfällig. Ein solches DMP würde nicht nur die Sichtbarkeit der CKD erhöhen, sondern kann auch dazu beitragen, die strukturierte Versorgung Betroffener sicherzustellen. Ebenso entscheidend sind Aufklärungskampagnen, um die Bevölkerung für diese weit verbreitete Erkrankung und mögliche Präventionsstrategien zu sensibilisieren. Denn – und das ist gute Nachricht – wirksame Therapien stehen bereits zur Verfügung. Diese können das Fortschreiten der CKD verlangsamen und Folgekomplikationen effektiv reduzieren.11 Entscheidend ist jedoch, dass sie auch Anwendung finden, und dafür muss die CKD zunächst diagnostiziert werden.
Weitsicht statt Nachsicht
Die neue Bundesregierung hat die Möglichkeit, eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung zu gestalten, die kommenden Herausforderungen gewachsen ist. Um Potenziale bestmöglich auszunutzen, sollte die politische Entscheidungsfindung auf aktuellen Erkenntnissen deutscher Versorgungsstudien basieren. Dazu gehört auch, die Wechselwirkung zwischen Nieren und Herz stärker zu berücksichtigen, indem entsprechende Vorsorgeuntersuchungen systematisch in DMPs und Check-ups verankert werden. Wir reden hier nicht von einem Selbstzweck – ganz im Gegenteil. Gezielte Maßnahmen und eine strukturierte, qualitätsgesicherte Versorgung bieten immense Chancen, von denen nicht nur die Betroffenen profitieren. Gesundheitliche Auswirkungen lassen sich begrenzen, während gleichzeitig die Ausgaben im Gesundheitssystem sinken können, was die medizinische Versorgung nachhaltig stärkt. Und nicht zuletzt haben diese Maßnahmen das Potenzial, das Leben und die Lebensqualität Millionen Betroffener nachhaltig zu verbessern.
Referenzen
- GBD Chronic Kidney Disease Collaboration. Lancet 2020;395:709–33.
- Tangri, N et al. BMJ Open 2023;13:e067386.
- Haß, L et al. Front Public Health 2024;12:1456320.
- S3-Leitlinie: Nationale Versorgungsleitlinie Hypertonie - Version 1.0 (Stand: Juni 2023). AWMF-Register-Nr. nvl-009.
- Deutsche Diabetes Gesellschaft. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2025 (Stand: 14. November 2024). Aufrufbar unter: https://www.ddg.info/fileadmin/user_upload/Gesundheitsbericht_2025_final.pdf [Letzter Zugriff: Februar 2025].
- ATLAS, AstraZeneca Inhouse Analyse. Visualisierung basiert auf WIG2 Leistungsdaten der GKV.
- Jankowski, J et al. Circulation 2021;143:1157–72.
- Fletcher, BR et al. PLoS Med 2022;19:e1003954.
- Luyckx, VA et al. Bull World Health Organ 2018;96:414.
- Moura, AF et al. Kidney Int Rep 2024;9:S263.
- KDIGO CKD Work Group. Kidney Int 2024;105:S117–314.