Wo geht es hier zur Innovation?
Ein Appell an die Gesundheitspolitik

AUTORIN

Tessa Wolf

Ich führe gerade viele Gespräche – zur Gesundheitspolitik, zu Standortfragen, über die Zukunft der medizinischen Innovation in Deutschland. Was mich dabei nicht loslässt: Wir haben die Medizin. Wir haben die Forschung. Unser System allerdings kommt mit dem immensen medizinischen Fortschritt nicht mehr mit. Es fehlen Rahmenbedingungen, die mit dieser neuen Geschwindigkeit nicht nur umgehen können, sondern ihr den Weg bereiten.

Dieser Herbst ist die Chance, das zu ändern. Nach dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz geht es jetzt um das Eigentliche: strukturelle Reformen, die die GKV zukunftssicher machen, und eine Pharmastrategie, die Deutschland im internationalen Wettbewerb handlungsfähig hält. Allen Beteiligten ist klar, dass es mit Sparen allein nicht getan ist. Sonst verbauen wir uns die Chancen, die eine moderne Medizin für kranke Menschen bereithält.

Arzneimittelinnovationen spielen dabei eine entscheidende Rolle – nicht nur für Patient:innen, sondern auch für Forschung, Beschäftigung und wirtschaftliche Wertschöpfung in diesem Land. Deshalb müssen wir raus aus der reinen GKV-Kostenbetrachtung und hin zu einem ganzheitlichen Ansatz, der Versorgung, Finanzierbarkeit und Innovationsfähigkeit zusammenbringt. Darin liegt das gemeinsame Interesse von Gesellschaft und forschender Pharmaindustrie.
 
Die Standortklausel: Gut gemeint reicht nicht

Das erste große Thema ist der Herstellerabschlag, der um weitere 8,5 Prozent steigt – das trifft unsere Branche hart. Als Reaktion werden Modelle diskutiert, die eine gestaffelte Entlastung entlang von Standortkriterien vorsehen. Die Idee ist richtig: Wer in Deutschland forscht, investiert und Arbeitsplätze schafft, soll entlastet werden.

Aber gut gemeint ist nicht gut gemacht. Die Kriterien müssen erreichbar sein, der Prozess muss administrativ schlank und rechtssicher ausgestaltet sein – und das schnell. Die Regelung gilt ab 2027. Unternehmen treffen Standort- und Launch-Entscheidungen viele Jahre im Voraus. Wer heute keine Planungssicherheit hat, trifft morgen seine Entscheidungen woanders.

Ich meine das nicht abstrakt. AstraZeneca hat sich klar zu Deutschland bekannt: über 120 aktive klinische Studien, rund 880 Prüfzentren, mehr als 500 Millionen Euro geplanter Investitionen in den nächsten drei Jahren. Wir wollen Deutschland zum wichtigsten Standort unserer klinischen Forschung in der EU ausbauen. Aber das gelingt nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die Vorbehalte zur Finanzierbarkeit der Standortklausel überzeugen mich nicht: Deutschland wird von Investitionen, Forschung und guten Arbeitsplätzen weit mehr profitieren, als die Ausnahmen das System vermeintlich kosten.
 

AMNOG 2.0: Der Herzinfarkt, der nicht eintrat, zählt nicht. Das ist das Problem.

Das zweite – und strukturell wichtigere – Thema ist das AMNOG 2.0. Und hier möchte ich mit einem Beispiel einleiten, das die Schwäche des Systems auf den Punkt bringt.

Blutdruck ist einer der am besten belegten Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall – wissenschaftlich unbestritten, in Leitlinien verankert, in Disease-Management-Programmen als Therapieziel definiert. Millionen Menschen in Deutschland werden behandelt, bevor etwas passiert. Der Erfolg dieser Therapie liegt in dem, was nicht eintritt.

Das AMNOG erkennt das nicht an. Weil Blutdruckveränderungen nicht unmittelbar spürbar sind, gelten sie in der Nutzenbewertung nicht als patient:innenrelevant. Herzinfarkt und Schlaganfall als Endpunkte? Treten erst nach Jahren auf – weit außerhalb üblicher Studienlaufzeiten. Das Ergebnis: Eine Therapie, die nachweislich Leben schützt, bekommt im Bewertungsverfahren keinen angemessenen Zusatznutzen attestiert. Das ist kein Randproblem. Es ist ein Systemfehler.

Seit 2011 hat sich die Medizin grundlegend verändert. Therapien sind zielgerichteter geworden, Patient:innengruppen kleiner, Behandlungsansätze komplexer. Molekulare Diagnostik und personalisierte Therapien haben einen Paradigmenwechsel ausgelöst – das AMNOG ist damit nicht mitgewachsen. Es droht, für bestimmte Innovationen methodisch blind zu werden. Mit direkten Folgen für die Preisbildung, für die Attraktivität Deutschlands als Markteinführungsstandort – und letztlich für die Menschen, die auf neue Behandlungen warten.

Ein AMNOG 2.0 muss drei Dinge leisten: die bestverfügbare Evidenz anerkennen, auch dort, wo moderne Studiendesigns andere, aber methodisch belastbare Aussagen liefern. Eine flexible, wertorientierte Preisbildung ermöglichen, die den therapeutischen Wert wirklich abbildet. Und den medizinischen Bedarf und die Versorgungsrelevanz stärker ins Zentrum rücken: Was bedeutet diese Therapie für den Alltag der Menschen, die sie brauchen?

Die jüngste Sitzung der AG 3 im Pharmadialog war ein wichtiges Signal – aber kein ausreichendes. Der methodische Fachdialog mit den forschenden Pharmaunternehmen muss weitergehen. Und er darf nicht bei der Bewertungsmethodik aufhören: Auch die Preisgestaltung muss auf den Tisch.

Was auf dem Spiel steht

Hinter jeder Innovation steht ein Mensch, der auf eine neue Behandlung hofft. Der Mann, dessen Blutdruck seit Jahren behandelt wird. Die Frau, deren Therapie vielleicht noch nicht existiert – aber existieren könnte, wenn wir heute die richtigen Entscheidungen treffen.

Gesundheitspolitik ist nicht abstrakt. Sie entscheidet, was diesen Menschen zur Verfügung steht – und wann.

Deutschland hat ein außergewöhnliches Fundament: exzellente Wissenschaft, starke akademische Institutionen, die Fähigkeit zur klinischen Forschung auf höchstem Niveau. Das ist kein Selbstläufer. Es ist ein Vorsprung, den wir nutzen oder verspielen können. Forschung fördern, Innovation angemessen honorieren, solidarische Finanzierung sichern – das ist kein Widerspruch. Es ist die gemeinsame Aufgabe. Und dieser Herbst hat die Chance, sie anzugehen.