Geschlechterspezifische Unterschiede: Aktueller Handlungsbedarf in der CKD-Versorgung

AUTOR

Dr. Michael Seewald

Die InspeCKD-Studie liefert wichtige Erkenntnisse zur Versorgungssituation von CKD-Risikopatient:innen in deutschen Hausarztpraxen im Hinblick auf Diagnostik und Behandlung.3 Für die InspeCKD-Studie wurden anonymisierte, elektronische Datensätze aus 1.244 hausärztlichen Praxen mit insgesamt 448.837 CKD-Risikopatient:innen ausgewertet, die zwischen Juni 2020 bis Juni 2023 mindestens ein Jahr lang nachbeobachtet wurden.4 Als CKD-Risikopatient:innen galten in Anlehnung an die Leitlinie der KDIGO* Menschen mit einem Diabetes Mellitus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie einer Herzschwäche oder Bluthochdruck.4,5 Bei den fast 450.000 ausgewerteten Risikopatient:innen war etwa die Hälfte (52,1 %) weiblich und beide Geschlechterkohorten waren hinsichtlich Alter, Body-Mass-Index, Blutdruck und Begleiterkrankungen vergleichbar.4

Bei Diagnoserate: Luft nach oben

Die Ergebnisse dieser umfassenden Auswertung offenbaren Defizite in der Früherkennung und Behandlung der CKD – sowohl bei weiblichen als auch bei männlichen Risikopatient:innen, mit deutlich erkennbaren geschlechterspezifischen Diskrepanzen.4 Die laborchemischen Befunde hinsichtlich der Prävalenz zeigen, dass eine CKD bei Frauen mit 22,1 % häufiger vorlag  als bei Männern mit 15,3 %. Dennoch erhielten die meisten Betroffenen keine formelle CKD-Diagnose nach ICD-10-Kodierung, dem System nach dem Krankheiten in der Patient:innenakte dokumentiert werden. Von denjenigen, denen auf Basis der Laboruntersuchung eine CKD nachgewiesen wurde, blieben 85,2 % (Frauen) bzw. 80,9 % (Männer) ohne ICD-10-Kodierung: Die Kodierungsraterate betrug also lediglich 14,8 % bei Frauen und fiel mit 19,1 % bei Männern etwas stringenter aus.4

Früherkennung ausbauen!

Zudem zeigte sich ein erheblicher Mangel bei der CKD-Früherkennung.4 Die Empfehlungen der KDIGO,* der renommierten Fachgesellschaften für Nierenkrankheiten, bleiben weitgehend unerfüllt: Bei weniger als der Hälfte wurde die Nierenfunktion mindestens einmal bestimmt (Frauen: 46,0 %; Männer: 45,1 %) und die Nierenschädigung wurde praktisch gar nicht erfasst, wie die auffällig niedrigen Raten von 0,3 % bei Frauen und 0,4 % bei Männern belegen.4,5

Leitliniengerechte Therapie: Bei Frauen seltener

Der allgemeine Trend unzureichender Versorgung spiegelte sich auch in der leitliniengerechten Therapie wider. Innerhalb von sechs Monaten nach Diagnosestellung erhielten lediglich 12,1 % der Männer und gerade einmal 7,3 % der Frauen die von der KDIGO empfohlene Therapie (s. Abb. 1a). Dies bedeutet, dass Frauen relativ betrachtet 40 % seltener als Männer leitliniengerecht behandelt wurden.4 Zusätzlich zeigte die ATLAS-Analyse des deutschen Versorgungsalltags jüngst, dass sich Frauen insbesondere in fortgeschrittenen Krankheitsstadien seltener in einer medizinischen Versorgung befinden als Männer.6 Dennoch ist die geschlechterübergreifende gravierende Unterversorgung ganz klar hervorzuheben: Die überwältigende Mehrheit derjenigen mit einer laborchemisch nachgewiesenen CKD war ohne entsprechende Behandlung (Frauen: 92,7 %, Männer: 87,9 %).4

Leider ein bekanntes Muster

Die Ergebnisse der InspeCKD-Studie untermauern die Resultate aus nationalen und internationalen Untersuchungen: Im Praxisalltag werden Früherkennungsmaßnahmen zur CKD weiterhin nur unzureichend umgesetzt7,8 und Frauen werden trotz einer höheren CKD-Prävalenz9 im Vergleich mit Männern seltener diagnostiziert und therapiert.10 Hinzu kommt, dass sich Frauen in höheren Erkrankungsstadien seltener ihrer CKD bewusst sind11 und seltener in Dialyseprogramme aufgenommen werden.12 Woran liegt das? Eine eindeutige Erklärung existiert bislang nicht. Mögliche Faktoren können darin liegen, dass Frauen tendenziell eher dazu neigen z. B. eine Dialysebehandlung zugunsten konkurrierender Prioritäten wie u. a. familiärer Verpflichtungen zurückzustellen.12 Auch geschlechtsspezifische Unterschiede in den Wahrnehmungen durch Behandelnde könnten einen Erklärungsansatz bieten.11

Gleichzeitig sind Männer, im Vergleich mit Frauen vor der Menopause, einer i. d. R. rascheren CKD-Progression, einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen sowie einer höheren Sterblichkeit ausgesetzt.1 Hierin reihen sich aktuelle Ergebnisse der ATLAS-Analyse ein, die zeigte, dass Männer über 60 Jahren eine höhere Sterblichkeit aufweisen.6 Die schnellere Krankheitsprogression bei Männern wird oft als Begründung für die höhere Versorgungsraten von Männern herangezogen.13 Dies deckt sich mit diesen aktuellen Daten aus dem deutschen Versorgungsalltag, die eine stärkere Unterversorgung von Frauen, insbesondere in Bezug auf eine leitliniengerechte Therapie aus RAASi und SGLT-2i,§ aufzeigen.4,6

Was also tun?

Männer und Frauen stehen, mit Blick auf die Nierengesundheit und der medizinischen Versorgung, unterschiedlichen Herausforderungen gegenüber.1,11,12 Um eine wirksame und personalisierte Behandlung für alle zu ermöglichen, müssen wir die geschlechtsspezifischen Unterschiede differenziert betrachten und stärker in den Fokus rücken, um Frauen wie Männer optimal zu schützen. Konkret umfasst dies einen verstärkten Fokus auf die geschlechterspezifischen Unterschiede der CKD in Leitlinien, bis hin zur Entwicklung geschlechterspezifischer Behandlungsrichtlinien. Ergänzend empfehlen sich Fortbildungen für Mediziner:innen, um über geschlechterspezifische Unterschiede aufzuklären und eine verstärkte Integration geschlechtssensibler Inhalte in der medizinischen Ausbildung.

Die InspeCKD-Studie veranschaulicht eindrücklich, dass sowohl das flächendeckende Nierenscreening als auch eine adäquate CKD-Therapie in der hausärztlichen Versorgung geschlechterübergreifend noch nicht den erforderlichen Stellenwert genießen. Dabei können eine verbesserte Früherkennung sowie eine optimierte leitliniengerechte Therapie wesentlich dazu beitragen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und die Lebensqualität Betroffener zu verbessern.3 Um diese umzusetzen, kann die Implementierung standardisierter Screening-Protokolle für CKD-Risikopatient:innen in der hausärztlichen Versorgung und in Vorsorgeprogrammen wie z. B. den Check-up 35 von Vorteil sein.


* Kidney Disease: Improving Global Outcomes
 Durch Abschätzung der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) über Messung von Kreatinin im Blutserum.
Anhand des Verhältnisses von Albumin zu Kreatinin im Urin
§ Renin-Angiotensin-Aldosteron-System-Inhibitoren (RAASi), Natrium-Glukose-Cotransporter-2-Inhibitor (SGLT-2i)


Abbildung 1: Die InspeCKD-Studie offenbarte drängende Versorgungslücken im deutschen Praxisalltag. Diese betraf sowohl das Nierenscreening von Risikopatient:innen (links) als auch die medikamentöse Versorgung mit der von Therapieleitlinien empfohlenen Behandlung (rechts). Abbildung erstellt nach 3,4


Die Ergebnisse der InspeCKD-Studie zeigen eindrücklich, dass die chronische Nierenkrankheit bei Frauen seltener den Schritt zur ICD-10-Kodierung findet und weniger konsequent behandelt wird als bei Männern. Dies offenbart eine markante Versorgungslücke in der hausärztlichen Grundversorgung, die dringend geschlossen werden muss und verdeutlicht den hohen Handlungsbedarf, um eine adäquate, geschlechtersensible Betreuung und leitliniengerechte Behandlung aller Menschen mit chronischer Nierenkrankheit sicherzustellen.

Prof. Dr. med. Christoph Wanner Leiter der Abteilung der Nephrologie, Universitätsklinikum Würzburg

Referenzen

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  2. Lewandowski, MJ et al. Wien Klin Wochenschr 2023;135:89–96.
  3. Wanner, C et al. MMW Fortschr Med 2024;166:9–17.
  4. Schäffner E et al., DGIM 2025, Wiesbaden, Abstract #P15-02, erschienen in Die Innere Medizin Sonderheft 01/2025
  5. KDIGO CKD Work Group. Kidney Int 2024;105:S117–314.
  6. AstraZeneca Inhouse Analyse. Visualisierung basiert auf WIG2 Leistungsdaten der GKV.
  7. Edmonston, D et al. JAMA Network Open 2024;7:e2418808.
  8. Korsa, A et al. Kidney Med 2025;7:100979.
  9. Sullivan, MK et al. Am J Kidney Dis 2024;84:731-741.e1.
  10. Swartling, O et al. J Am Soc Nephrol 2022;33:1903–14.
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  13. Hödlmoser, S et al. Kidney Int Rep 2022;7:444–54.

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